Auswirkungen und Folgen der digitalen Wirtschaft

Im Beisein von hochkarätigen Vertretern aus der Industrie, Bau- und Immobilienbranche fand am 21. Juni 2016 eine spannende Diskussion im Rahmen der VZI-Lounge, Verband der Ziviltechniker und Ingenieurbetriebe zu Auswirkungen und Folgen der digitalen Wirtschaft statt.

Pressebericht Nachbericht 2. VZI Lounge - VZI - Verband der Ziviltechniker und Ingenieurbetriebe

Digitalisierung braucht verstärkte Kooperationsbereitschaft

Auswirkungen und Folgen der digitalen Wirtschaft: Siemens und VZI luden
zum Branchendialog zwischen Industrie und Immobilienbranche
Wien, 21. Juni 2016 – Im Rahmen einer Diskussion in der Wiener Siemens City, zu der
Vertreter aus der Industrie, Bau- und Immobilienbranche geladen waren, wurden
Gemeinsamkeiten, Unterschiede und neue Kooperationswege beider Branchen in
Bezug auf Digitalisierungs- und Automatisierungsprozesse diskutiert. Die
Notwendigkeit zur verstärkten Zusammenarbeit aller Projektbeteiligten in der
Wertschöpfungskette wird insbesondere in Bezug auf die Verfügbarkeit und Nutzung
von Daten zur Gretchenfrage. In der Bau- und Immobilienbranche ist hier durch die
Beteiligung der zahlreichen Unternehmen bei der Planung, Ausführung und dem
Betrieb von Gebäuden verstärkte Kooperationsbereitschaft gefragt. Im Gegensatz zur
Industrie ist die Immobilienbranche – zumindest im Baudienstleistungssektor – zudem
in Bezug auf die wirtschaftlichen Vorteile von digitalen Gebäudemodellen noch sehr
verhalten. Andreas Gobiet, Präsident des Verbands der Ziviltechniker- und
Ingenieurbetriebe (VZI), führt dies auf veraltete Vergütungsmodelle zurück. „In der
digitalen Welt muss alles gleichzeitig passieren. Die standardisierten Leistungsbilder
für die Planung von Gebäuden entsprechen nicht mehr den heutigen Anforderungen,“
ist Gobiet überzeugt.

Kooperationsbereitschaft wird zur Gretchenfrage beim Umgang mit Daten
Building Information Modeling (BIM) – eine Methode der optimierten Planung, Ausführung
und Bewirtschaftung von Gebäuden mit Hilfe von Software in digitalen Gebäudemodellen –
ist die Industrie 4.0 der Bau- und Immobilienbranche und derzeit in aller Munde. Mit BIM ist
es möglich, ein Gebäude von Anfang an so zu planen, dass alle beteiligten Gewerke
berücksichtigt sind und daher auch für den späteren Betrieb alle Informationen für eine
optimale Bewirtschaftung vorliegen.

Die Basis: Daten und Informationen aus allen beteiligten Fachbereichen. Und hier liegt laut
Josef Stadlinger, Leiter Building Technologies Division von Siemens, die Herausforderung,
die es in der Branche derzeit zu meistern gilt. Stadlinger:„Während in industriellen
Digitalisierungsprozessen die Daten meist einem einzigen Unternehmen gehören, sind bei
Bauprojekten zahlreiche Unternehmen gefordert, ihre Daten offenzulegen. Wir müssen weg
von dem Gedanken, dass es bedrohlich ist, wenn wir unser Wissen mit anderen Gewerken
teilen und die Scheu davor verlieren, zusammen zu arbeiten.“ Das ist die Basis für
erfolgreiche digitale Gebäudemodelle.“

Unterstützung der Komponentenindustrie für digitale Bauprojekte gefragt
Insbesondere in Bezug auf die Technische Gebäudeausrüstung (TGA) fehlen der
Immobilienbranche noch Daten aus der Komponentenindustrie. Hier habe man im
Merkmalserver, der Daten aus den unterschiedlichen am Bauprozess beteiligten Bereichen
beinhaltet, noch keinerlei detaillierte Informationen.
Dies führt zumindest aus Sicht der TGA-Planung dazu, dass BIM derzeit nicht umfassend
anwendbar ist, so Susanne Schindler, soeben gewählte Vizepräsidentin des VZI und
geschäftsführende Gesellschafterin von ALLPLAN. Schindler: „Die Strukturierung und
Bereitstellung dieser Daten ist noch eine große Herausforderung. Denn wir arbeiten derzeit
mit Software, die wir nicht effektiv einsetzen können. Dabei macht die Technische
Gebäudeausrüstung (technical building services) gemeinsam mit der Bauphysik ca. 40
Prozent des Bauvolumens aus.“

Flexiblere Strukturen bei Ausbildung und Arbeitsrecht
Die neuen Anforderungen an Mitarbeiter in einer digitalen Wirtschaft machen flexiblere
Strukturen bei Lehrplänen und im Bereich des Arbeitsrechts zur Grundvoraussetzung eines
funktionierenden Systems. Hier seien die Strukturen in Österreich noch viel zu starr und
überreguliert.

„Die starren Lehrpläne sind wirklich ein Problem: man kann keine Lehrpläne mehr machen,
die fünf Jahre gleich bleiben. Solche Absolventen wird am Markt niemand brauchen, denn
wenn sie ihre Ausbildung beendet haben, ist alles wieder anders,“ betont Gernot Wagner,
Geschäftsführer PORR Design & Engineering.

Mit den derzeitigen starren und komplexen Rahmenbedingungen, auch von Seiten der
Gesetzgebung, ließe sich zudem zunehmend in keiner Branche mehr die – jetzt –
notwendige Innovationsgeschwindigkeit halten. Für Hermann Erlach, Geschäftsführer
Microsoft Enterprise Services, ist das mit ein Grund dafür, warum Österreich so oft
Schlusslicht bei der Realisierung innovativer Prozesse sei. Dazu Erlach: „Das derzeitige
>Soft Commitment< der österreichischen Politik ist viel zu wenig. In Österreich trauen sich
zudem wenige, etwas auszuprobieren. Wir haben, im Vergleich zu anderen Ländern, einen
eher „evolutionären Zugang“ zu innovativen Themen. Wir sehen meist einen Ist-Prozess und
schauen, wie wir diesen weiter verbessern können und nicht, wie wir es komplett anders
organisieren und denken könnten. Etablierte Prozesse, bestehende Infrastruktur und
bisherige Vorgaben hindern uns oftmals daran.“

Ein wenig anders sieht dies Michael Kiel, Leiter Operations- und Qualitätsmanagement von
EVVA Sicherheitstechnik, der Österreich auch im internationalen digitalen Umfeld ein gutes
Zeugnis ausstellt: „Ich bin viel auf internationalen Messen unterwegs und sehe zahlreiche
Initiativen aus und in Österreich, dieses Thema aktiv zu verfolgen. Insbesondere im Bereich
Ausbildung passiert jetzt einiges im Hinblick auf neue Studiengänge, etwa für
Digitalisierungsmanagement.“

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Credit: VZI - Verband der Ziviltechniker- und Ingenieurbetriebe